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Interview in der SonntagsZeitung

Publiziert: Aktualisiert 20. Januar 2016Autor: Oliver Staubli, Founder & Data ScientistTags: SonntagsZeitungInterviewJobsData ScientistData SciencePresse

Was für ein geglückter Auftakt: Gerade mal drei Monate nach der Gründung von REVOLYTICS AG erscheint bereits ein Interview mit Foto über uns im Wirtschaftsteil der SonntagsZeitung. Der Artikel entstand im Vorfeld des diesjährigen World Economic Forums (WEF), bei welchem die Folgen der Digitalisierung im Fokus stehen. Im Gegensatz zum kürzlich erschienenen Handelszeitungs-Artikel vom WEF-Gründer über die Gefahren der Digitalisierung, zeigt der Artikel auf, dass dank der Digitalisierung auch neue Berufe entstanden sind. Natürlich war ich gerne bereit, Auskunft über meinen Job als Data Scientist zu geben.

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Trotz Digitalisierung geht uns die Arbeit nicht aus

Computer und Roboter ersetzen in vielen Wirtschaftsbereichen den Menschen – doch gleichzeitig entstehen ganz neue Berufe

Zürich Auf dem Novartis-Campus in Basel wertet Daniela Wieser am Computer riesige Mengen digitaler Daten aus. Sie stammen von Patienten, aber auch von Organismen wie Parasiten, Viren und Bakterien. Bioinformatik nennt sich das, und diese interdisziplinäre Wissenschaft hat in der Medizin schon zu bahnbrechenden Erkenntnissen geführt, allen voran zur Aufschlüsselung des menschlichen Erbguts.

Als Wieser 2003 zu studieren begann, gab es die Ausbildung nur an wenigen Universitäten. Mittlerweile bilden viele Hochschulen Bioinformatiker aus, da die Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt laufend zunimmt.

Neue Berufe, die noch vor kurzem unvorstellbar waren

Die Digitalisierung hat Daniela Wieser zu einem Beruf verholfen, den es erst seit wenigen Jahren gibt. Damit ist die junge Frau Teil einer regelrechten Umwälzung der Arbeitswelt. Die Digitalisierung der Wirtschaft bildet immer neue Berufe heraus, die noch vor kurzem unvorstellbar waren. Data Scientists, Automationsingenieure, Data-Mining-Spezialisten, 3-D-Drucktechnologen, Automatiker, SPS-Programmierer, Mechatronikingenieure oder Data-Warehouse-Analysten sind gefragter denn je, wie aus dem Jobradar der Firma X28 AG hervorgeht.

Das vor sechs Jahren gegründete Unternehmen aus Thalwil ZH verfügt schweizweit über die beste Jobsuchmaschine – und ist damit selber Teil der Digitalisierung. «Die Nachfrage nach Berufsbildern, die im digitalen Zeitalter eine zentrale Rolle spielen und die es noch nicht so lange gibt, ist gross und immer grösser», sagt Verwaltungsratspräsident Cornel Müller.

Das sind ganz andere Töne als die Horrorszenarien, die sich im Vorfeld des Weltwirtschaftsforums (WEF) häufen. Es findet nächste Woche in Davos statt und hat die Digitalisierung zum Hauptthema. Zeitungen schreiben vor dem WEF Schlagzeilen wie «Uns braucht es bald nur noch als Konsumenten», WEF-Gründer Klaus Schwab behauptet, der Mittelstand löse sich wegen der Konkurrenz durch Computer und Roboter auf.

Marx lag falsch, sagt der Ökonom der Gewerkschaften

Ökonomen von links bis rechts widersprechen diesen Panikszenarien. Die Angst, technischer Fortschritt vernichte Arbeitsplätze, sei unbegründet, sagen sowohl Daniel Lampart, Chefökonom des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes, als auch Rudolf Minsch, Chefökonom des Unternehmensdachverbandes Economiesuisse. Sie berufen sich auf die Geschichte: Seit Beginn der Industrialisierung im 18. Jahrhundert wurde wiederholt die falsche Annahme getroffen, Menschen würden durch Maschinen ersetzt und in die Arbeitslosigkeit gedrängt.

In der Schweiz gipfelte diese Angst im Maschinensturm von Uster ZH. Am 22. November 1832 zündete eine aufgebrachte Menschenmenge die Spinnerei und Weberei Corrodi & Pfister an. Sie hatten Angst, dass die Maschinen ihnen die Arbeit wegnehmen würden. Karl Marx sagte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts voraus, die Produktivitätssteigerungen würden zu einem Abbau von Arbeitsplätzen führen und eine «industrielle Reservearmee» aus beschäftigungslosen Proletariern hervorbringen.

Das Gegenteil geschah: Dank der Industrialisierung kamen mehr Menschen zu Arbeit und Wohlstand denn je zuvor, die Kaufkraft der Arbeiter stieg, ihre Arbeitszeit verkürzte sich. Marx habe sich mit seinem Verelendungsszenario geirrt, sagt Gewerkschafter Daniel Lampart. «Fakt ist, dass die Mechanisierungsschritte bis heute auf gesamtwirtschaftlicher Ebene nicht zu einem trendmässigen Anstieg der Arbeitslosigkeit geführt haben. Der materielle Wohlstand ist jedoch gestiegen, und die Arbeitszeiten sind gesunken.»

Erstaunlicherweise stimme er Lampart für einmal zu, sagt Rudolf Minsch, Chefökonom des Unternehmensdachverbandes Economiesuisse. «Die Mechanisierung hat zwar Jobs gekostet, aber gleichzeitig sind viele neue entstanden.»

Wo die Kassierin künftig arbeitet, ist noch ungewiss

Ein Beispiel ist der Tourismus. Als Folge der Industrialisierung stieg im 19. Jahrhundert in Europa das Einkommensniveau und ermöglichte es erstmals breiteren Schichten, zu reisen. Aus armen Schweizer Bergdörfern wurden reiche Feriendestinationen, aus Bauern wurden Skilehrer – einen Beruf, den es zuvor gar nicht gab.

Lampart und Minsch sind überzeugt, dass auch in der digitalen Revolution neue Berufe die alten ablösen. Das wird dringend nötig sein. Denn eine Studie der Universität Oxford schätzt die Wahrscheinlichkeit auf über 90 Prozent, dass Kassierinnen im Detailhandel, kaufmännische Angestellte, Metzger, Empfangspersonal, Postangestellte, Buchhalterinnen und Laboranten bald durch Computer ersetzt werden.

Wo die Betroffenen künftig arbeiten werden, kann niemand vorhersagen, da die digitale Revolution erst angelaufen ist. Dennoch ist Reinhard Jung, Professor für Business Engineering an der Universität St. Gallen, optimistisch. «Als vor zwanzig Jahren PCs ihren Siegeszug antraten, glaubte man auch, dass dadurch zahlreiche Jobs vernichtet würden.» Das traf nicht ein, die Arbeitslosigkeit ist gleich tief wie damals.

Jung leitet daraus die Hoffnung ab, dass auch im digitalen Zeitalter neue Jobs entstehen. Wie jener von Jan Appenzeller. Der 22-Jährige hat letztes Jahr zusammen mit einem Freund die Firma Drei-De in Rapperswil SG gegründet, die per 3-D-Druck Dekorationen, Firmenlogos, Ersatzteile, Gehäuse, Prototypen und Architekturmodelle herstellt. Die Nachfrage ist gross. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis 3-D-Drucktechnologe ein anerkannter Beruf wird.

So wie Data Scientist, ein junger Beruf, der bereits an mehreren Schweizer Fachhochschulen gelehrt wird. Oliver Staubli ist einer der Pioniere. In Aesch LU wühlt sich der Gründer der Firma Revolytics durch Berge von Daten, welche die Kunden von Banken oder Detailhändlern beim Besuch einer Firmenwebsite oder beim Online-Einkauf hinterlassen. Daraus kann Staubli die Bedürfnisse des Kunden ablesen. Mit diesem Wissen können Firmen ihre Kunden zielgerichteter bewerben.

Die USA seien Europa weit voraus, sagt Staubli. «In der Schweiz erkennt man den Nutzen und das Potenzial der Daten erst jetzt.» Das bedeutet, dass noch viele neue Arbeitsplätze für Data Scientists entstehen werden. Das sei der «vielleicht heisseste Job auf dem Markt», schreibt die «Harvard Business Review».

Eine grosse Herausforderung liegt allerdings darin, dass mit der Digitalisierung die Anforderungen an die Beschäftigten steigen. Eine Berufslehre genüge nicht mehr, ständige Weiterbildung sei gefragt, sagt Ursula Renold, Bildungsspezialistin bei der ETH-Konjunkturforschungsstelle. «Im digitalen Zeitalter wird man sich im Leben drei-, vier-, fünfmal komplett neu orientieren und durch Weiterbildung fit machen müssen.»

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Der 3-D-Drucktechnologe

«Dank der Digitalisierung wird es ganz neue Berufe geben, an die vorher niemand dachte», sagt der 22-jährige Jungunternehmer Jan Appenzeller, der in Rapperswil SG die Firma Drei-De mitgründete. Diese ist auf 3-D-Druck spezialisiert – eine Technologie, die sich erst in den letzten Jahren verbreitete. «Andere Berufe werden verschwinden», sagt Appenzeller, «der 3-D-Druck hat grosses Potenzial, vor allem im Maschinenbau, bei der Fertigung von Auto- und Flugzeugteilen und in der Nahrungsmittelindustrie.»

 

Die Bioinformatikerin

«Dank der Digitalisierung wird es mit Sicherheit neue Arbeitsplätze geben», sagt Daniela Wieser, die bei Novartis in Basel arbeitet. «Seit ich als Bioinformatikerin arbeite, habe ich dieses Berufsfeld nur wachsen sehen.» Wieser wertet mit computergestützten Methoden grosse Datenmengen aus und trägt so zur Erforschung menschlicher Krankheiten und Entwicklung neuer Medikamente bei. «Als Bioinformatikerin habe ich es mit wahnsinnigen Datenvolumen zu tun. Wir sprechen hier von wahren Datenlawinen.»

 

Der Data Scientist

«Es ist eine Detektivarbeit», sagt Oliver Staubli. Der Gründer der Firma Revolytics in Aesch LU durchforstet für Banken, Detailhändler und andere Unternehmen riesige, bislang meist ungenutzte digitale Datenberge. Aus diesen lässt sich ablesen, welche Bedürfnisse die Kunden haben und wie sie sich in Zukunft verhalten werden. Damit können die Firmen ihre Kunden gezielter bewerben. «Ich fühle mich dabei wie ein Goldschürfer», sagt Staubli. «Ich gebe meinen Kunden Tipps, wo das Gold zu finden ist.»

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Peter Burkhardt (Text) und Esther Michel (Fotos)